AKTUELL

CommemorAction: Erinnern heisst verändern! Gemeinsam gegen das europäische Migrationsregime.


Seit dem 9. Februar 2020 um 05:35 Uhr morgens werden 91 Personen vermisst. Zuvor hat das Alarm Phone einen Notruf and die libyschen, maltesischen und italienischen Behörden weitergeleitet und einen dringenden Rettungseinsatz gefordert. Alle der zuständigen Behörden blieben untätig. Das Boot und seine 91 Passagier*innen wurde nicht gefunden. Das Alarm Phone hat alle Behörden und internationalen Organisationen gebeten, ihre Informationen zu diesem Fall preiszugeben, um zu klären, was mit den in Not geratenen Menschen geschehen ist, aber nie eine Antwort erhalten. Da alle Rettunskoordinationszentren alarmiert wurden, war es ihre gesetzliche Pflicht, auf die Notsituation zu reagieren, die Menschen in Not zu suchen und zu retten - unabhängig davon, wo das Boot liegt. Wir befürchten, dass die europäischen und libyschen Behörden stattdessen die Notrufe ignorierten und beschlossen haben, alle 91 Menschen sterben zu lassen. 

Die verantwortlichen Behörden aber auch die internationalen Organisationen: Sie haben nach diesem mutmaßlichen Schiffsunglück nicht gehandelt. Umso wichtiger ist es, dass wir handeln und diese tödliche Politik nicht hinnehmen: Seit dem 9. Februar 2020 haben sich die Familien und Freunde der 91 Menschen, die sich an Bord des Schlauchbootes befanden, fast wöchentlich bei Alarm Phone gemeldet und gefragt, was mit ihren Angehörigen passiert ist.

Und fast ein Jahr, nachdem Alarm Phone den Notruf erhalten und alle zuständigen Behörden alarmiert hat, gibt es immer noch keine Antwort auf die Frage, was mit dem Boot und den Menschen an Bord geschehen ist. Das zeugt nicht nur von der Untätigkeit der Behörden, sondern auch von der Kaltblütigkeit gegenüber Angehörigen und Betroffenen von den Toten an Europas Aussengrenzen. Aber diese Politik hat Strategie: es macht anklagende Stimmen unhörbar und dient dazu, die tausenden Toten, die das Europäische Migrationsregime zu verantworten hat, rasch zu vergessen. Dagegen wehren wir uns – im Alltag durch Widerstand gegen diese menschenverachtende und rassistische Migrationspolitik und am 9. Februar mit einer gemeinsamen Erinnerungsveranstaltung. CommemorAction - erinnern heisst verändern. In der sudanesischen Stadt Al-Fasher erinnern die Familien der Opfer an das Unglück, fordern Aufklärung und klagen an. Gleichzeitig finden in vielen Städten in Europa und Nordafrika ebenfalls Aktionen statt, die Aufklärung fordern und ein Ende des tödlichen europäischen Migrationsregimes, der rassistischen Grenzpolitik und der steten Externalisierung der Europäischen Aussengrenzen. Wir fordern Fähren statt Frontex und Bewegunsfreiheit und gleiche Rechte für alle. Jetzt und überall.

Aufgrund der aktuellen Lage rund um Covid-19 haben uns dazu entschieden zu einem späteren Zeitpunkt eine Kundgebung zu veranstalten. Weitere Infos folgen.

https://alarmphone.org/de/2021/02/09/commemoraction-91-personen/

https://www.openeyes.ch/single-post/09022020

#CommemorAction #SayTheirNames
#BlackLivesMatter #StopDeathsAtSea #BordersKill




Sechs Jahre Alarm Phone:

Die Kämpfe auf dem Mittelmeer gehen weiter


Photo: Chris Grodotzki/sea-watch.org


Am 11. Oktober 2020 wird das Alarm Phone sechs Jahre alt. Unser Netzwerk aus über 200 Aktivist*innen, die auf beiden Seiten des Mittelmeeres verteilt sind, hat in allen drei Regionen insgesamt über 3000 Booten in Seenot geholfen. Seit Oktober 2014 halten wir das Projekt am Laufen, 24 Stunden, 7 Tage die Woche – ohne Pause. Die fortwährende Gewalt des Grenzregimes, aber vor allem die beständigen Kämpfe der Menschen on the move haben dazu geführt, dass wir Tag und Nacht wachsam sein müssen, immer bereit, solidarisch mit denen zu sein, die das Meer überqueren wollen.

Wir haben Tausende von Anrufen und Nachrichten erhalten, vor allem von Menschen in Seenot, aber auch von ihren Freund*innen, Partner*innen und Verwandten. Im Laufe der Jahre wurden wir so zu Zeug*innen eines gewalttätigen Backlashes nach dem historischen Zusammenbruch des europäischen Grenzregimes im Jahr 2015. Wir haben massenhaft Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, Angriffe auf Boatpeople von denen, die offiziell vor Ort waren, um zu retten. Wir haben Push-backs durch Geisterschiffe oder Handelsschiffe dokumentiert sowie das Zurückschaffen von Tausenden von Menschen an die Orte, von denen sie zu fliehen versuchten. Wir haben Nachrichten von denjenigen erhalten, die in unmenschlichen Gefangenenlagern inhaftiert sind und ihre Freiheit und Würde fordern. Wir mussten den Stimmen in Todesangst zuhören, kurz bevor sie vom Meer zum Schweigen gebracht wurden, und den Stimmen derjenigen, die das Meer in einen Friedhof verwandeln.

Viele dieser Stimmen und Geschichten des Leidens bleiben uns in Erinnerung und sie verfolgen uns manchmal sogar. Dennoch setzen wir unseren Kampf fort, gemeinsam. Wir kämpfen weiter, weil wir nicht akzeptieren, dass eines der am besten überwachten Meere dieser Welt so viele Leben kostet und Menschen gewaltsam verschwinden. Wir machen weiter, weil es für die Menschen immer noch keine Alternativen zu den oft seeuntüchtigen Booten gibt, um Sicherheit und Freiheit zu finden. Wir machen weiter, weil die europäischen Mitgliedstaaten und Institutionen alles tun, was sie können, um Migration und Solidarität zu kriminalisieren. Weil sie versuchen, das Mittelmeer in eine Todeszone zu verwandeln, um diejenigen abzuschrecken, die das Mittelmeer weiterhin überqueren müssen oder wollen.

Wie würde das Mittelmeer heute aussehen ohne die Kämpfe der Migration und Solidarität, die sich in den letzten Jahren ereignet haben? Wie würde es ohne die hartnäckigen Wanderbewegungen von Menschen aussehen, die durch ihren Willen zur Flucht neue Korridore eröffnet haben? Ohne die Kreativität und Ausdauer der zivilen Rettungsflotte, die trotz aller Versuche, sie zu blockieren und zu kriminalisieren, immer wieder auf das Meer zurückkehrt? Ohne die “Augen des Mittelmeers” – die Flugzeuge, die sich dagegen wehren, festgesetzt zu werden und in die Lüfte abheben, um gefährdete Boote aufzuspüren und die Abschreckungsmaßnahmen der EU-Staaten beobachten? Wie würde das Meer heute aussehen ohne das Alarm Phone, das Teil der bestehenden Underground Railroad für Migrant*innen geworden ist?

‘Hallo mein Freund’ – so antworten wir oft am Telefon denen, die zu ertrinken drohen. In den letzten sechs Jahren haben wir viele Freund*innen gewonnen, aber auch verloren. Wir versprechen, dass wir Tag und Nacht am Telefon bleiben werden, um ihnen zuzuhören, wo immer sie auch sind.

Unser Kampf auf dem Mittelmeer ist ein Kampf gegen gewalttätige Grenzen, für die Bewegungsfreiheit, für Gleichberechtigung und globale Gerechtigkeit. Mit jeder Telefonschicht stehlen wir aus der Festung einen Stein und bauen daraus statt dessen eine Brücke.

Alarm Phone, im Oktober 2020

 

 

Bücher über die Arbeit des Alarmphones



"FROM THE SEA TO THE CITY!"  - Download im PDF-Format:

 

5 Jahre Alarm PhoneFROM THE SEA TO THE CITY!



"IN SOLIDARITÄT MIT MIGRANT*INNEN AUF SEE"Download im PDF-Format:

3 Jahre Alarm PhoneIN SOLIDARITÄT MIT MIGRANT*INNEN AUF SEE

 



"MOVING ON" Download im PDF-Format: